Die "Waterloo-Studie"oder "The surprisingly powerful influence of drawing on memory"

Es ist schon lange bekannt, dass wir Menschen "visuelle Wesen" sind - wir nehmen Informationen aus der Umwelt hauptsächlich mit den Augen wahr. 75 % der gesamten Wahrnehmung erfolgt über unseren visuellen Sinn. Deshalb gehören die meisten von uns auch zu der Kategorie "visuelle Lerntypen", d.h. wir behalten Bilder besser im Gedächtnis als z.B. gesprochene Worte.

 


Wie wirkt es sich nun aber auf die Gedächtnisleistung aus, wenn wir die Bilder nicht nur passiv dargeboten bekommen, sondern aktiv selber erzeugen?

Genau mit dieser Fragestellung hat sich eine Forschergruppe der Universität von Waterloo (Kanada) beschäftigt. Die Wissenschaftler*innen legten 2 Gruppen von Versuchspersonen eine Liste von einfach zu zeichnenden Begriffen vor. Gruppe 1 hatte die Aufgabe, die Begriffe zeichnerisch darzustellen, Gruppe 2 sollte die Begriffe wiederholt aufschreiben. Für jeden Begriff hatten die VP 40 sek. lang Zeit. Anschließend wurde dann überprüft, an wie viele von den Begriffen sich die VP erinnern konnten. Dabei stellte sich heraus, dass die "Zeichnenden" signifikant mehr Begriffe erinnerten als die "Schreibenden", oft mehr als doppelt so viele. "Signifikant"  bedeutet dabei in der empirischen Forschung, dass die Unterschiede in den Ergebnissen tatsächlich an den untersuchten Merkmalen liegen und nicht auf zufällige Begebenheiten zurückgeführt werden können (z.B. zufällig viele zeichenbegabte Personen in der 1. Gruppe).


 

Danach wurden weitere Versuchsdurchgänge mit variierenden Aufträgen durchgeführt. Eine Gruppe sollte sich die Begriffe innerlich vorstellen ("creating mental images"), eine Gruppe sollte sich Bilder der Begriffe ansehen ("viewing pictures of the objects") und eine letzte Gruppe sollte Eigenschaften der Begriffe aufschreiben ("listing physical characteristics"). Es stellte sich heraus, dass die Erinnerungsleistung sämtlicher Vergleichsgruppen weit hinter der Gruppe der Zeichnenden zurückblieb.

 


Jetzt kann man natürlich einwenden, dass das Erinnern von "einfachen" Begriffen heutzutage weder im Bildungs- noch im beruflichen Bereich besonders relevant ist. Hier geht es eher um komplexe Begrifflichkeiten. Die Wissenschaftler*innen aus Waterloo führten deshalb einen weiteren Versuchsdurchgang durch, bei dem es diesmal nicht mehr um einfach zu zeichnende, sondern um komplexe und abstrakte Begriffe ging (z.B. "Isotop"). Und auch hierbei zeigte sich bei der Erinnerungsleistung wieder die Überlegenheit der Personen, die diese Begriffe zuvor zeichnerisch dargestellt hatten.

 

In einem weiterer Durchgang, den ich persönlich am beeindruckensten finde, wurde den VP pro Begriff nur 4 sek. Zeit gegeben. Man stelle sich die Qualität der Zeichnungen vor, die dabei herausgekommen sein mögen! Trotzdem lag die Versuchsgruppe der Zeichner im Ergebnis wieder vorn. Daraus lässt sich ableiten, dass die Qualität der Zeichnung wenig Einfluss darauf hat, wie gut man sich deren Inhalt merken kann. Es scheint also nicht so sehr um das Zeichenergebnis zu gehen, als viel mehr um den Prozess des Zeichnens selber. Zeichnen scheint deshalb so positive Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung zu haben, da man sich dabei mit einem Begriff aktiv auseinander setzen muss und der Prozess des Zeichnens sowohl eine visuelle als auch ein motorische Komponente vereint. Weiter gedacht bedeutet das damit auch, dass jede Person vom Zeichnen profitieren kann, über wie viel (oder wie wenig) zeichnerisches Talent sie auch verfügen möge. Was für eine gute Nachricht für alle diejenigen unter uns, die von sich behaupten, nicht zeichnen zu können!

 


Was bedeutet das jetzt für den Bildungsbereich? Ich meine, dass die positiven Auswirkungen des Zeichnen auf das Gedächtnis in der Schule mehr genutzt werden sollten. Zeichnen gehört nicht nur in den Kunstunterricht. Kinder und Jugendliche sollten in der Schule lernen, visuelle Notizen, auch bekannt unter dem Namen "Sketchnotes", anzufertigen. Hierbei geht es nicht um Kunst, sondern darum, Ideen, Informationen und Zusammenhänge in einer Kombination aus Wort und Bild darzustellen.  Besonders in Zeiten zunehmender Digitalisierung ist es notwendig, den Schüler*innen ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie die zunehmende Verdichtung von Informationen und Inhalten bewältigen können. Let´s work visually!